Disclaimer:
Dieses Lernmodul ist Teil der Informationsplattform Wer, Wie Watt?, die im Rahmen eines Umweltbildungsprojektes erstellt wurde. Die hier dargestellten Informationen wurden von Zivildienstleistenden aus dem Naturschutz im Rahmen ihrer Ausbildung zusammen getragen. Mehr über das Projekt Wer, Wie, Watt erfahren Sie hier.

Marikultur - Massenproduktion zwischen den Wellen

von Sebastian Ulrichs & Nils Zydek,

Schutzstation Wattenmeer

 

(zuletzt bearbeitet im Februar 2007) 

 

Inhaltsverzeichnis:
 Marikultur - Massenproduktion zwischen den Wellen
6. Quellen

Anmerkung

Das Titelbild stammt von den Seiten des Forschungsprojektes "Nachhaltige Miesmuschel-Anzucht im niedersächsischen Wattenmeer" des Forschungszentrums Terramare in Wilhelmshaven. Informationen zu dem Projekt finden Sie rechts.

 

1. 

Allgemeines über die Farmen im Meer

Marine Aquakultur (Marikultur) ist die kontrollierte Produktion von Meeresorganismen (Fische, Krusten- und Schalentiere, Algen) im Meer- oder Brackwasser unter Anwendung produktionssteigernder Eingriffe in den Aufzuchtprozess zur Optimierung der Aufwuchsbedingungen (Besatz, Fütterung, Pflegemaßnahmen) (PGM, 1999).

Aquakultur produziert Meereslebewesen, wobei ihre Erzeugnisse während der Aufzuchtperiode unter privatrechtlichem Eigentumsschutz in einem abgegrenzten Wasserkörper stehen. Fischerei hingegen entnimmt Meerestiere aus der freien Wildbahn und eignet sich damit allgemein zugängliche Güter an, ohne aktiv zur Regeneration dieser Ressource beizutragen.

 

 

Die Geschichte der Marikultur lässt sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Schon damals wurden in Indonesien und auf den Philippinen Milchfische gezüchtet. Im europäischen Mittelalter gab es im Süßwasser Fischzuchten, die damals vor allem von Mönchen geführt wurden. In Europa begann die Marikultur mit der Zucht von Miesmuscheln (Mytilus edulis) und Austern (Ostrea edulis) erst im 19. Jahrhundert.

 

Daten und Fakten zur Aquakultur

Da die Aquakultur im Salzwasser meist zusammen mit derjenigen im Süßwasser betrachtet wird, findet man findet wenige Angaben zur reinen Marikultur. Hier einige Zahlen als Anhaltspunkte:

Die wichtigsten Aquakultur-Produkte in der Europäischen Union sind Fische (Forelle, Lachs, Seebarsch und Goldbrasse) und Weichtiere (Miesmuschel, Auster und Teppichmuschel). Die europäische Produktion vergrößerte sich von 642.000 t (1980) auf 944.000 t in 1990 und erreichte 2001 fast 1,3 Mio. t – das sind knapp 3% der weltweiten Aquakultur-Produktion.

Bei der Produktion bestimmter Arten wie Forelle, Meerbarsch, Goldbrasse, Steinbutt und Miesmuschel steht die EU steht weltweit sogar an erster Stelle. Der Wert dieser Produktion belief sich 2001 auf 2,9 Mrd. EUR (EU-15) und 3,1 Mrd. Euro in EU-25. Die Aquakultur stellt volumenmäßig 17% und wertmäßig 33% der gesamten Fischereiproduktion der EU dar.


Die europäische Aquakultur sichert über 55.000 Arbeitsplätze. In vielen Regionen ist sie ein echter Schwerpunkt der sozioökonomischen Entwicklung. In Galicien (Spanien), dem Zentrum der Miesmuschel- und Steinbuttzucht in Europa, arbeiten gut 13.500 Personen in der Aquakultur, wobei die indirekten Arbeitsplätze nicht mitgerechnet sind. In Frankreich beschäftigt die Austernzucht ungefähr 4.700 Personen im Charente-Maritime und mehr als 3.000 in der Bretagne. Durch das Wachstum der Meeresfischzucht entstanden in den vergangenen 20 Jahren Tausende von Arbeitsplätzen in Schottland und Irland, aber auch in Griechenland. Und das Wachstum des Sektors lässt erkennen, dass weitere Arbeitsplätze entstehen könnten, insbesondere in den Ländern, die vor kurzem der Europäischen Union beigetreten sind.

(Quelle:Flottenkommando der Marine (2006)

 

 

 

2. 

Hungrige Mäuler: Fische in Marikulturen

Fisch dient uns Menschen vor allem als Quelle für tierisches Eiweiß, etwa 1 Milliarde Menschen decken ihren Proteinbedarf täglich mit Fisch oder fischereilichen Produkten. Die marine Fischzucht spielt weltweit eine seit Jahren wachsende Rolle in der Nahrungsmittelindustrie. Momentan stellen in Aquakulturen gezogene Fische ein Drittel aller von uns verwerteten Fische. Im Jahr 2012 soll sogar knapp die Hälfte des weltweiten Fischkonsums aus Aquakulturen kommen.

(Quelle: Nikov 2003)

 


 

2.1. 

Wer züchtet was?

Bedeutung der Fischzucht weltweit

1995 wurden mit der Fischzucht global 40 Milliarden Euro erwirtschaftet. Weltweit spielt Europa eine eher kleine Rolle in der Fischzucht, da etwa 80 % der Zuchtfische aus Entwicklungsländern kommen, über 60 % allein aus China. Die gigantischen Fischzuchtmengen Chinas sind allerdings möglicherweise aus politischen Gründen geschönt. In Europa steht Norwegen an der Spitze, die Norweger tragen 77 % zur Lachsproduktion bei, gefolgt von Schottland (Greenpeace Magazin, 04/05).

Weltweit bietet das Meer mit seinen komplexen, abwechslungsreichen Küstenlinien optimale Bedingungen, um große Mengen verschiedener Fischarten zu züchten. Neben Lachs werden vor allem asiatische Milchfische, Thunfisch und seit kurzer Zeit sogar der Kabeljau kommerziell gezüchtet.

In der Fischzucht wird vielfach ein Lösungsansatz gesehen, um die leer gefischten Meere zu entlasten. Außerdem soll Fisch als Nahrungsmittel genauso populär gemacht werden wie Fleisch, da sich Fisch mit weniger Verlust züchten lässt und die Fischzucht allgemein umweltfreundlicher ist - zumindest theoretisch.

 

Europas Lachszucht

Lachszucht findet an den Küsten Norwegens und Großbritanniens statt, dort meist in sturmgeschützten Buchten und Fjorden. Die Zuchtlachse tummeln sich dicht gedrängt in schwimmenden Käfigen. Bis zu 300.000 Tiere leben in einem Käfigvolumen von 1.200 Kubikmetern. Sie werden zum größten Teil mit Pellets aus Fischmehl gefüttert, die über automatische Fütterungsgeräte laufend in die Schwimmkäfige geworfen werden. Ein Lachs braucht, um 1 kg an Gewicht zuzunehmen, im Gegensatz zu einer Kuh statt 12 kg Futter in der Regel nur etwa 6 kg Fischpellets (WWF, Fischfarmen im Meer, 1999). Somit ist die Fischproduktion energetisch deutlich günstiger als die Produktion von Warmblütern. Vordergründig ist die Käfighaltung im Meer auch platzsparender, was aber nur daran liegt, dass ja das durchströmende Meerwasser mit in Anspruch genommen wird.

Zucht von Meeresfischen an Land: Ecomares, Büsum

In dem Maße, wie die Meere geleert werden und große Fische im Preis steigen, lohnt sich die Investition in technisch anspruchsvolle Fischzuchtanlagen an Land. Zwar ist der Aufwand zur Wasserreinhaltung und Betreuung der Fische größer, wenn sie nicht in frischem Seewasser, sondern in Bassins an Land heranwachsen, aber die Technologie ist stark im Aufschwung begriffen. Weltweit wird nach geeigneten Fischarten gesucht, die

- sich über viele Generationen in Gefangenschaft züchten lassen,
- schnell wachsen,
- wohlschmeckend sind
- und wenig Futter verbrauchen.

Ein regionales Beispiel für eine bereits seit mehreren Jahren im Aufbau befindliche Marikulturanlage ist die Büsumer Firma „Ecomares“. Hier werden Wolfsbarsch und Steinbutt in einem geschlossenen Wasserkreislauf gezüchtet sowie die zugehörigen Fischzuchtanlagen weiter entwickelt und vermarktet.

Bevor Wasser aus der Nordsee in die Zuchtbecken gelangt wird es gereinigt und mit Sauerstoff angereichert. Weniger als 10 % des 600 Kubikmeter Wasser umfassenden Kreislaufs müssen regelmäßig ausgetauscht und vor dem Ablassen gereinigt werden. So gelangt kein Kot und kein Futter aus der Zucht in die Nordsee. Die Fische wachsen in der Zucht doppelt so schnell wie in ihrem natürlichen Lebensraum.

 

2.2. 

Einwände und mögliche Lösungen

Kleinfisch macht auch Mist

Ein wesentliches Problem der marinen Fischzucht in Käfigen ist der extrem hohe Nährstoffeintrag rund um die Fischfarmen. Futterreste und Exkremente der Zuchtfische fallen aus den Käfigen und sinken zu Boden, wo sie zu massiven Veränderungen der Habitate führen (Überdüngung, Faulschlamm). Schon heute verschmutzen die 600 Lachsfarmen Norwegens das Meer genau so stark wie die 4 Millionen Norweger zusammen!

Auch die chemische Belastung spielt eine große Rolle. Nach einer Studie des Pestizid Aktions-Netzwerks e.V. werden bis zu 300 verschiedene chemische Mittel in Aquakulturen eingebracht, um die Fische vor Krankheiten und Parasiten zu schützen und ihre Produktivität zu steigern. Teilweise sind diese akut oder chronisch schädlich für Menschen und Umwelt (siehe Link).

Hier wird deutlich, dass jede Art von Massentierhaltung ähnliche Probleme verursacht, egal ob an Land im Schweinestall oder im Meer im Lachskäfig. Daher ist eine extensive, dezentrale Fischzucht, wie sie in China mit Süßwasserfischen stattfindet, generell erstrebenswerter als eine intensive Fischproduktion.

 

Zuchtlachs verfälscht Wildlachs genetisch

Lachse sind eine Fischgattung mit sehr vielen Unterarten und regional angepassten Formen. Da sie zur Eiablage in kleine Bäche wandern und eine extrem ausgeprägte Heimatbindung an ihren jeweiligen Geburtsfluss haben, sind ihre natürlichen Sperren gegen Kreuzungen und Artvermischungen gering. Zuchtlachse, die aus den Zuchtkäfigen entkommen, können sich mit den wenigen noch vorhandenen Wildlachsen paaren und dabei das Erbgut der Wildbestände verfälschen. Mittlerweile kommen in Nordeuropa auf jeden Wildlachs 48 Zuchtlachse! Im Jahr 2006 sind allein in Norwegen etwa 500.000 Zuchtlachse entkommen, die nun mit den wenigen Wildlachsen um Partner konkurrieren...

Außerdem fördert die Massentierhaltung im Meer die Verbreitung von Fischkrankheiten. Wilde atlantische Lachse, die in der Nähe von Lachsfarmen in Norwegen leben, werden bis zu 73mal häufiger von der bei Zuchtlachsen verbreiteten Seelaus-Krankheit befallen als Lachse fernab von Zuchtbetrieben. Natürlicherweise würden die Seeläuse im Winter absterben, doch auf den ganzjährig anwesenden Zuchtlachsen halten sie sich und infizieren im Sommer die letzte Wildfische.

(Quelle: Nikov & Smolka 2003)

 

Fisch frisst Fisch

Wenn in Gefangenschaft Fisch produziert wird, bedeutet das noch nicht, dass die frei lebenden Meeresfische dadurch geschont werden! Um die enorme Zahl von hungrigen Fischmäulern in Gefangenschaft zu füllen, wird etwa ein Drittel der weltweiten Fischmehlproduktion an diese Farmfische verfüttert. Fisch braucht nämlich bestimmte Aminösäuren im Futter, die nicht in Landtieren oder Pflanzen enthalten sind. Man entnimmt also große Mengen von Fisch aus den Wildbeständen, um sie in den Zuchtbetrieben in teureren Speisefisch zu verwandeln. Von einer Schonung der natürlichen Bestände kann also kaum die Rede sein. Fischmehl wird nämlich bisher meist nicht aus Beifang gewonnen, sondern aus gezielt gefangenen Kleinfischen (Sardinen, Sandaale ...). Diese Tiere fehlen dann in den Ökosystemen der Weltmeere als Futterfische.

Rund um die Industriestaaten der Welt sind die Meere schon weitgehend leer gefischt, so dass man dazu übergegangen ist, nun vor Peru oder Chile zu fischen und somit den kleinen Fischern vor der Küste und Millionen von Seevögeln ihre Existenz zu nehmen.

Positive Perspektiven

Es gibt zahlreiche Alternativen zur derzeitigen Praxis, die die marine Fischzucht verträglicher und ertragreicher gestalten können:

Vegetarisches Fischfutter
Man arbeitet an eine Nahrungsumstellung der Zuchtfische, was vor allem bei Lachsen und Meerforellen möglich sein soll. Angestrebt ist, etwa 80% des benötigten Futters aus Soja- und Rapspflanzen zu gewinnen. Somit müssten nur noch 20% durch Fischmehl gedeckt werden (Berliner Zeitung, 2002).

Wasserreinhaltung
Fischfarmen mit geschlossenen Wasserkreisläufen können den übermäßigen Nährstoffeintrag ins Meer unterbinden und weder Zuchtfische, noch deren Krankheiten oder Erbgut in die Wildbestände einschleusen.

Intelligente Kultursysteme
Zur optimalen Ressourcennutzung können Produktionsketten in der Marikultur beitragen: Das Abwasser der Fischzucht wird von Muscheln filtriert, deren Ausscheidungen Algen düngen, die wiederum als Futter für Meeresschnecken (Abalone) dienen, die teuer nach Japan verkauft werden.

 

Ausblick und Vision

Weltweit könnte die kommerzielle Fischzucht langfristig einen Großteil unseres Proteinbedarfes sichern und im selben Atemzug die Überfischung der Meere verringern. Mit einem Umstieg von weniger Fleisch auf mehr umweltfreundlich produzierten Fisch könnte ein Teil des Nahrungsmangels auf dieser Welt behoben werden, da sich Fisch weitaus produktiver züchten lässt als etwa Rind. So bliebe viel des ansonsten als Futtermittel endenden Getreides für Andere. Vielleicht auch für die "dritte Welt".

 

3. 

Mollusken in der Zucht

Perlenzucht und Abalone: Muschelzucht weltweit


Weichtiere oder Mollusken sind der Überbegriff für Schnecken, Kopffüßer (Tintenfische, Kraken) und Muscheln. Muscheln stellen die meisten Arten für die marine Aquakultur, sei es zur Muschelfleischgewinnung oder zur Perlenzucht. Eine "Cashcow" die teuer als Delikatesse gehandelt wird, ist das Meerohr (Abalone), eine hübsche Schnecke. Ihre Wildbestände sind fast vollkommen geplündert, aber japanische Kunden zahlen weiterhin horrende Preise für die Schnecken. Daher wird auch diese Art nun in Kultur produziert.
 

3.1. 

Was für Muschelzucht gib es im Wattenmeer?

Was für Muschelzucht gibt es im Wattenmeer?

Im Wattenmeer werden Miesmuscheln (Mytilus edulis) und Austern (Crassostrea) gezüchtet. Die Herzmuschel, die bis 2006 ebenfalls in großem Umfang im Wattenmeer genutzt wurde, stammte ausschließlich aus Wildfängen. Diese Fischerei wurde wegen der drastischen Rückgänge der Herzmuschelpopulationen, die die Nahrungsgrundlage für viele Rastvögel darstellen, eingestellt.

Unter den Austern finden sich in der Nordsee nur noch ausnahmsweise die in vielen Bereichen ausgestorbene europäische Auster (Ostrea edulis). Es dominiert die aus Japan importierte pazifische Auster (Crassostrea gigas). Im deutschen Wattenmeer kommt die europäische Auster gar nicht mehr vor, sie ist um 1920 ausgerottet worden. In den Niederlanden jedoch finden sich seit 1990 wieder Zuchten mit Austernsaat aus England und Frankreich.
 
Wesentlich lukrativer ist allerdings das Geschäft mit der pazifischen Auster. Sie wurde in den 1960er Jahren eingeführt, im Bereich des deutschen Wattenmeers 1986. Wenige Jahre später gelangte sie aus der Zuchtstation auf Sylt ins offene Meer. Ironischerweise darf dasselbe Unternehmen, das für die Einschleppung der Pazifikauster im deutschen Wattenmeer verantwortlich ist, diese Art nun sogar kommerziell im Nationalpark suchen lassen - pro Jahr 1,5 Millionen Exemplare, die im Verkauf pro Stück gut 1 Euro einbringen...

Muschelzucht

Zwei Methoden sind bei der Miesmuschelzucht sind weit verbreitet: Die Bodenkultur und die Langleinenkultur. Es handelt sich hierbei meist um sogenannte Semikulturen, d.h. der Besatz an jungen Individuen wird weitgehend aus natürlichen Lebensräumen abgefischt, um dann in die Zuchtgebiete im Wattenmeer eingebracht zu werden.

Bei der so genannten Bodenkultur werden junge Miesmuscheln im Freiland abgefischt und in die ständig mit Wasser bedeckten Zuchtgebiete eingebracht. Nach 600-700 Tagen werden die Miesmuscheln dann geerntet. Diese Vorgehensweise findet sich häufig im Bereich des Wattenmeers.

Eine im Mittelmeer, aber bisher nicht in der Nordsee praktizierte Art der Miesmuschelzucht ist die Langleinenkultur. Leinen aus synthetischem Material dienen als Kollektor, an dem sich Muschellarven direkt ansiedeln. Sie werden also nicht künstlich eingebracht. Nach einer ersten Phase des Wachstums werden die Leinen abgesammelt, um danach die Muscheln erneut an Leinen oder auch in Netzstrümpfen auszubringen. Nach ein bis zwei Jahren, in Abhängigkeit von der Lage, sind diese Muscheln zur "Ernte" bereit.

 

Austerzucht

Für die Austernzucht bei Sylt kam bis 2005 die gesamte Saat aus Brutanlagen in England, Frankreich und Irland. Dies war also um eine Vollkultur, die die Gefangenschaftsproduktion von Saataustern und die spätere Mast im Freiland beinhaltet. Seit 2006 werden auch Jungaustern im Nationalpark Wattenmeer gesammelt und in die Kulturen eingeschleust.

Die Austern werden in Netzsäcken, sogenannten "Poches“, auf Gestellen im Gezeitenbereich von Sylt aufgezogen. Andernorts hält man sie auch auf Langleinen, oder in Austernkästen. In den Niederlanden nutzt man zudem Laternennetze, das sind stockwerkartig übereinander angebrachte Netzkästen, die durch Auftriebskörper frei schwimmen (Warnsignale aus Nordsee & Wattenmeer, 2002).

 

 

3.2. 

Was spricht dagegen?

Wie die Fischzucht birgt auch die Muschelzucht einige ökologische Nachteile, die speziell in den Wattenmeer-Nationalparken immer wieder zu Konflikten führen.

Blinde Passagiere

Hauptproblem der Muschelzucht ist die Einschleppung fremder Arten durch Importe von Jungmuscheln. Gerade bei den sehr rauhschaligen Austern passiert es ständig, dass Algen oder Meerestiere rund um den Globus verschleppt werden und sich in neuen Meeresgebieten ansiedeln - wo sie möglicherweise heimische Arten verdrängen. Eine erhebliche Gefahr ist speziell das Einschleppen von Parasiten und Krankheiten mit der Muschelsaat. So wurden etwa mit der pazifischen Auster zwei einzellige Parasitenarten eingeschleppt, die den Bestand der europäischen Auster stark angriffen.

Genpfusch

Erst in jüngerer Zeit wurde nachgewiesen, dass die wahllose (nur am Preis orientierte) Verfrachtung von Miesmuscheln oder Austern dazu führen kann, dass (Unter)arten aus verschiedenen Weltgegenden sich genetisch durchmischen. Das kann zur Schwächung ortsansässiger Muscheln führen, die z.B. ihre Frost- oder Parasitenresistenz verlieren oder langsamer wachsen.

Verschlickung von Sandböden

Muscheln sind als Filtrierer in der Lage, ohne von Menschen eingebrachtes Futter auszukommen. Plankton wird von ihnen aus dem Wasser gefiltert, unverdauliche Teile werden schleimumhüllt wieder ausgeschieden (Pseudofäzespartikel). Dadurch bildet sichverstärkt Schlick am Boden der Zuchtflächen. Unter Umständen kann dieser Schlick dazu führen, dass der Sauerstoffgehalt am Boden abnimmt und sich somit die Lebensumstände ändern.

Mechanische Schäden am Meeresboden

Ein anderes Problem ist die Verwüstung und Zerstörung der bodennahen Lebensräume beim Ernten der Kulturen mit Dredgen, einem am Boden kratzenden Schleppnetz. Auch LKWs auf Wattflächen können dort Schäden an Bodenlebewesen verursachen. Diese Effekte bleiben natürlich aus, wenn die Muscheln in frei schwimmenden Kulturen gezüchtet werden.

Fraßdruck auf Plankton

Gelegentlich kann es auch passieren, dass Zuchtmollusken die Larven anderer Lebewesen einstrudeln und so deren Bestand gefährden. Das kommt allerdings nur vor, wenn die Muschelarten in großer Dichte gezüchtet werden.


Die Schäden, die durch Muschelzucht entstehen, sind je nach örtlichen Gegebenheiten meist gering, können aber - wie gerade im Wattenmeer die Einschleppung der Pazifischen Auster beweist - im Einzelfall auch ein gesamtes Ökosystem nachhaltig verändern.

 

4. 

Garnelenzucht

  WWW-Link

Garnelen gehören zu der Klasse der Zehnfußkrebse, wie auch Hummer oder die heimischen Krabbenarten. Die vielen verschiedenen genutzten Arten sind bei uns besser bekannt als "Scampi", "Shrimps" oder "Krabben".

Garnelenfang findet in vielen Weltmeeren im Flachwasser (Wattenmeer) oder auf offener See (Tiefseegarelen) statt. Grundsätzlich sind die Garnelen schnellwüchsig und gute Futterverwerter und halten einer intensiven Fischerei aufgrund schneller Vermehrung oft lange stand. Trotzdem ist die weltweite NAchfrage inwischen so groß, dass in den Tropen intensive Garnelenzucht stattfindet.

Garnelenzucht wird in riesigen brackwassergefüllten Becken betrieben. Da die Tiere warmes, nährstoffreiches Wasser für ein optimales Wachstum benötigen, beschränkt sich die Garnelenzucht vor allen Dingen auf den tropischen Küstenraum Asiens, Afrikas und Südamerikas. Dort werden oftmals große Flächen von Mangrovenwälderm abgeholzt, um Zuchtbecken anzulegen. Einzelne Zuchtbetriebe für Kaltwasserarten sind auch im Nordseeraum, etwa in Schottland, vorhanden.

 

4.1. 

Garnelenzucht als Wachstumsgeschäft

Ökonomischer Profit

 

Die Garnelenzucht ist der Wirtschaftszweig mit einer der größten Wachstumsquoten weltweit, wie sich am Beispiel Thailand verdeutlichen lässt. So stieg dort der Umsatz von 8100 t im Jahr 1984 auf 230 800 t um 1996, was einen Zuwachs von ungefähr 32% jährlich bedeutet und somit, auch aufgrund der günstigen Welthandelsbedingungen, zu einem der lukrativsten Wirtschaftszweige geworden ist. Ein ganz extremes Beispiel von Zuwachs ist die Riesentigergarnele. Deren Zuchtmenge stieg von 170t 1984 auf 220 000t 1996, ein Zuwachs von 82% (Uthoff 1999).

Ökologischer Profit

Die Garnelenzucht hat auch einige Vorteile. So kann die Aufzucht teilweise durch künstliche Befruchtung unter Laborbedingungen betrieben werden. Es besteht dadurch eine komplette Unabhängigkeit von den limitierten Ersatzbeschaffungen aus der Umwelt und verhindert somit ein weiteres Befischen der Meere. omit bleiben die Wildbestände unangetastet und durch die Beckenaufzucht gelangen auch keine Tiere in die Freiheit. Dies sichert ein natürliches Fortbestehen der Wildbestände.

 

4.2. 

Probleme der Shrimp-Produktion

Die Garnelenzucht hat - zumindest in der bisher weltweit meist üblichen Form - einige sehr schwerwiegende Nachteile.

Zerstörung von Mangrovenwäldern

Durch das Anlegen der Becken wird der Mangrovenwald weiträumig abgeholzt und das Verschwinden dieses einzigartigen Ökosystems hat weitreichende Folgen vor allem im Bereich des Küstenschutzes (Berliner Zeitung, 2002). So richten etwa Tsunamis viel größeren Schaden an, wenn das natürliche Bollwerk der Mangrove fehlt. Außerdem ist die Existenz vieler Menschen in den tropischen Regionen eng mit diesen küstennahen Wäldern verwurzelt in denen - ähnlich wie im Wattenmeer - eine Vielzahl nutzbarer Fische und Schalentiere aufwachsen.

Chemieeinsatz

Ein weiterer Nachteil ist die Zucht selber, denn durch Millionen eng aufeinander lebende Tiere ist die Infektionsgefahr für die Garnelen um ein Vielfaches höher als gewöhnlich. Als Ausgleich werden Antibiotika und andere Medikamente ins Wasser eingeleitet, die sowohl im Fleisch der Tiere zurückbleiben, als auch im Wasser gelöst werden.

Flächenverbrauch

Durch das stehende Wasser in den Becken versalzt der umgebende Boden und viele evtl. noch heimische Muschelarten sterben ab. Nach spätestens 20 Jahren können viele Becken durch die angereicherten Abfälle und Gifte nicht mehr genutzt werden, so dass verwüstete Flächen zurück bleiben und neues Land in Shrimpfarmen verwandelt werden muss - keine nachhaltige Nutzung.

http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/29/0,1872,2002589,00.html

http://www.oeko-fair.de/oekofair.php/cat/493

 

 

 

5. 

Makroalgen: Grünzeug aus dem Meer

Nori, Wakame & Co.: Algenzucht in Asien


Die Zucht von Algen für die direkte menschliche Ernährung und als Lebensmittelzusatz spielt vor allem in Asien eine ganz erhebliche ökonomische Rolle, z.B.

- Sushi, Nori etc als Speisebeilagen
- Agar-Agar, Carrageen als Lebensmittelzusätze
- Kosmetik

Wildalgenernte in Europa


Für kommerzielle Zwecke werden in Europa bislang nahezu ausschließlich im Freiland geerntete oder gesammelte Algen genutzt. Traditionelle Nutzungen, die an den Felsküsten der Bretagne und Irlands bis in das 19. Jahrhundert zurück reichen, drehten sich zumeist um die Gewinnung von Großalgen als Dünger für die Landwirtschaft oder zur Mineralstoffgewinnung für die Glasindustrie (Goémonniers in der Bretagne). Im 20. Jahrhundert kam die Produktion von Alginaten (Agar-Agar als Geliermittel) hinzu.
Quellen:

Noch heute geht es bei der in Frankreich und Irland am Strand und von Schiffen aus betriebenen Gewinnung von Großalgen (Laminaria) um die Gewinnung gelartiger Algenstoffe, sogenannter Phykokolloide. Diese Stoffe finden ihren Einsatz als Emulgatoren und kalorienfreie Füllstoffe in vielen Lebensmitteln sowie in Zahnpasta, und Seife aber auch in der Papier- und Pharmaindustrie.



Algenzucht in Europa

 

Die Zucht von Makroalgen ist bis heute im Raum der Nordsee nicht weit verbreitet. Es gibt allerdings erste Forschungsprojekte zur kommerziellen Algenzucht auf Sylt (AWI) und auch in England. Die geplanten Offshore-Windparks sind ebenfalls als Aquakultur-Standorte in der Diskussion.

Grundsätzlich scheint es ökonomisch möglich zu sein, Algenprodukte auch in der relativ sonnenarmen Nordseeküstenregion zu produzieren. Einerseits können essbare Algen gezüchtet werden, andererseits ist die Produktion von Algen als Futter für Meeresschnecken (Abalone) in Planung, die auf dem Weltmarkt als Delikatesse gehandelt werden.
Da Algenbestände und Tangwälder einer Vielzahl von Lebewesen Schutz und Nahrung bieten, sollten sie unter keinen Umständen umfangreich abgeerntet werden. Algenzucht ist hier eine auch ökologisch sinnvolle Alternative, solange sie auf sonst nicht von Algen bewachsenen Meeresflächen und ohne Einsatz von Chemie stattfindet.

 

6. 

Quellen

Literatur

Flottenkommando der Marine (2006): Fakten und Zahlen zur maritimen Abhängigkeit
der Bundesrepublik Deutschland, Jahresbericht 2006, Glücksburg, 266 Seiten

Haas, L. (2002): Die blaue Revolution: Aquakultur eröffnet neue Perspektiven auf die Welternährung. Berliner Zeitung, 17. Januar 2002

Mühldorfer, H. (1999): Fischfarmen im Meer- Ausweg aus der Fischereikrise: Mast im Meer. Die Sparkasse Bremen „Initiativ“, WWF, 1999

Nikov, K. & S. Smolka (2003): Vorstudie im Kontext Chemikalieneinsatz in der Aquakultur, Pestizid-Aktions-Netzwerk e.V., Hamburg, 97 Seiten, ISBN 3-9808321-9-8

Thorbrietz, P. (2005): Viel Zucht, wenig Ordnung, Greenpeace Magazin, 2005

Uthoff, D. (1999): Seefischerei und marine Aquakultur - Wandel und Trends in der Nutzung des Nahrungspotentials der Meere: Entwicklung der marinen Aquakultur. Petermanns Geographische Mitteilungen Nr. 143, S. 68.

Walter, U. B. Buck & H. Rosenthal (2003): Marikultur im Nordseeraum.
In: Lozan et al. (HRSG.) Warnsignale aus Nordsee und Wattenmeer, 2002, S.122.




Webseiten

http://marktcheck.greenpeace.at/3592.html (Zugriff am 12.2.2007)

http://www.focus.de/gesundheit/ernaehrung/geniessen/lachs/lachszucht_aid_10355.html (Zugriff am 12.2.2007)

 

 

7. 

Zu Autoren und Projekt

Das vorliegende Themenmodul ist Ergebnis des Projektes Wer, Wie, Watt? - Ein online Informationssystem zu Nutzungen und Schutz im Wattenmeer.

Im Zeitraum von Oktober 2006 bis Mai 2007 arbeiteten im Rahmen des Projektes 42 Zivildienstleistende verschiedener Umweltinstitutionen Schleswig-Holsteins und Niedersachsens an der Infoplattform. Ziel ist es, über verschiedene Nutzungen des Wattenmeers und daraus erwachsenden Konflikte aufzuklären.

Das Infosystem wird auch künftig zur Dokumentation von Projektarbeiten an der Schutzstation Wattenmeer dienen. Projektarbeiten können im Rahmen der Ausbildung von Zivildienstleistenden, Teilnehmerinnen des Freiwilligen Ökologischen Jahres oder auch im Rahmen des Studiums angefertigt werden. Die im Naturschutz Engagiertebekommen so die Gelegenheit, die von ihnen zusammen getragenen Informationen einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Dieses Modul wurde erstellt von Sebastian Ulrichs & Nils Zydek.

Die Autoren verrichteten 2006/2007 ihren Zivildienst bei der Naturschutzgesellschaft Schutzstation Wattenmeer e.V.

Ziel des 1962 gegründeten privaten Vereins ist es, durch vielfältiges Wirken Verständnis und Faszination für das "Ökosystem Wattenmeer" und die Nordsee zu wecken, und somit Schutz und Schutzbereitschaft für diese Lebensräume zu erhöhen.

 

8. 

Impressum & Kontakt

Website:

www.ikzm-d.de/werwiewatt

 

Rahmen:

Das online Infosystem Wer, Wie, Watt? dient seit Herbst 2006 zur Dokumentation der Projektarbeiten von Zivildienstleistenden, FÖJ-TeilnehmerInnen, PraktikantInnen und weiteren bei dem gemeinnützigen Verein Naturschutzgesellschaft Schutzstation Wattenmeer e.V. Engagierten. Projekte können zum Beispiel Teil von Ausbildungsseminaren oder Studium sein. Die erste Version des Infosystems wurde von Zivildienstleistenden des Jahrganges 2006/2007 im Rahmen eines Kooperationsprojektes der gemeinnützigen Vereine EUCC-Deutschland und Schutzstation Wattenmeer erstellt.

 

Inhalt:

 

 

 

Träger:

Einführung in die wesentlichen menschlichen Nutzungen und Einflüsse auf das Wattenmeer sowie Betrachtung von Konflikten, die sich aus den unterschiedlichen Perspektiven der Naturschützer und der Nutzer ergeben.

 

Das Infosystem Wer, Wie, Watt? wird angeboten von den Vereinen Naturschutzgesellschaft Wattenmeer e.V. und EUCC-Die Küsten Union Deutschland. Die Schutzstation Wattenmeer bildet im Auftrag des Landes Schleswig-Holstein Zivildienstleistende (ZDL) aus dem Naturschutz aus. Die EUCC-Deutschland setzt sich mit Aktivitäten im Bereich der Küstenbildung, der Informationsverbreitung und der Netzwerkarbeit für die nachhaltige Entwicklung der deutschen Küsten ein. Sie hat im Rahmen des Projektes das online-Werkzeug IKZM-D-Lernen bereit gestellt und sich an der Betreuung der ZDL beteiligt.

Gewähr/ Haftung:

Bei der Erstellung der Informationsmodule wurde große Sorgfalt geübt. Da es sich bei dem Infosystem um die Dokumentation der Projektarbeit von ZDL handelt, übernehmen die Träger für Aktualität und Richtigkeit der Inhalte keine Gewähr. Bei der Einstellung der Links waren uns keine unsittlichen und unseriösen Inhalte der verlinkten Seiten bekannt. Sollte Ihnen eine verlinkte Seite unseriös erscheinen, weisen Sie uns bitte darauf hin.

Urheber- und Kennzeichnungsrecht:

Es sind alle uns bekannten Quellen der verwendeten Texte, Abbildungen, Karten etc. gekennzeichnet. Sollte eine urheberrechtlich geschützte Fotographie verwendet worden sein, so geschah dies unbeabsichtigt. Entdecken Sie einen Fehler, so bitten wir Sie, sich an die unten genannten Kontaktadressen zu wenden und uns darauf aufmerksam zu machen.

Kontakt:

EUCC-Die Küsten Union Deutschland e.V.: eucc [@] eucc-d.de

Naturschutzgesellschaft Schutzstation Wattenmeer e.V.: r.borcherding [@] schutzstation-wattenmeer.de