Disclaimer:

Dieses Lernmodul ist Teil der Informationsplattform Wer, Wie Watt?, die im Rahmen eines Umweltbildungsprojektes erstellt wurde. Die hier dargestellten Informationen wurden von Zivildienstleistenden aus dem Naturschutz im Rahmen ihrer Ausbildung zusammen getragen. Mehr über das Projekt Wer, Wie, Watt erfahren Sie hier.

Biodiversität

von Florian Iser & Björn Marten Philipps, NABU e.V.
 
(zuletzt bearbeitet im März 2007) 

 

Der Begriff "Biodiversität" bedeutet übersetzt "biologische Vielfalt". Er bezeichnet die genetische Vielfalt innerhalb von Arten, die Artenvielfalt in einzelnen Ökosystemen oder weltweit, und indirekt auch die Vielfalt der verschiedenen Lebensräume und Ökosysteme.

 

Inhaltsverzeichnis:
 Biodiversität
5. Quellen

 

Anmerkung

Das Titelbild stammt aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und wurde im Rahmen der public domain von dem Benutzer M. Buschmann freigegeben.

 

1. 

Das Wattenmeer als Lebensraum

Das Wattenmeer - ein "Lebensraum auf den zweiten Blick"

Der flache und einförmig wirkende Meeresboden fällt zweimal täglich bei ablaufendem Wasser trocken, zweimal täglich wird er überspült. Da die Strömungsgeschwindigkeit des Wassers nicht überall gleich ist, kommt es zu unterschiedlichen Sedimentablagerungen: Dort wo nur geringe Wasserbewegung herrscht, sinken feine Teilchen ab und bilden das Schlickwatt. Schwere und grobe Teilchen setzen sich vorwiegend in stärker überströmten Bereichen ab – sie bilden das Sandwatt. Der Übergang zwischen diesen Wattformen bildet das Mischwatt.

Die Gezeiten bringen nicht nur anorganische Sedimente wie Sand und Tonpartikel ins Watt, sondern auch organische Schwebstoffe (Seston) sowie Plankton (mikroskopische Tierchen und Algen). Diese organischen "Importe" stellen 30 % der Nahrungsgrundlage einer sehr erfolgreichen Nahrungskette im Wattenmeer. Der Rest entsteht durch Photosynthese und Stoffumsätze vor Ort. Das Watt ist nach dem tropischen Regenwald das Ökosystem mit der höchsten Jahresproduktion an Biomasse.

Die im Durchschnitt vorhandene Biomasse ist nicht ganz so hoch, aber kann auch 2 - 3 kg/m² betragen. An Einzelorganismen leben auf einem cm² Wattboden bis zu 1 Million einzellige Algen. Auf und in 1 m² Wattboden werden etwa 50.000 kleine Krebstiere, Schnecken, Würmer etc. gezählt. Sie gehören zu etwa 1300 Arten von Bodentieren im Watt, von denen etwa 400 Arten über 1 mm groß sind. Der Rest sind Klein- und Kleinstorganismen in den Sandlücken. Hinzu kommen etwa 200 Arten von Mikroalgen auf der Bodenoberfläche ("Mikophytobenthos") und 500 - 1000 Planktonalgen und -tierchen.

Diese Wattorganismen insgesamt bilden die Nahrungsgrundlage für über 10 Millionen Zugvögel, die auf dem Ostatlantischen Zugweg zwischen Brut- und Überwinterungsgebieten pendeln. Außerdem ist das Wattenmeer Lebensraum von gut 60 verschiedenen Fischarten, von denen u.a. Scholle, Hering und Seezunge hier ihre Jugendphase verbringen ("Kinderstube der Nordsee").

(GTZ 2005, Universität Stuttgart 30.4.2003, UNEP o.J., Wikipedia 14.1.2007, Das Watt - Lebensraum auf den zweiten Blick, Klaus Kock)
 
 

Biodiversität - viel genutzt und schutzbedürftig

Das Gebiet des Wattenmeers und der Nordsee wird auf vielfältige Weise genutzt: Es wird Öl gefördert, Fischerei betrieben, Muscheln gezüchtet, Sand- und Kies entnommen, Maßnahmen zum Küstenschutz durchgeführt und touristisch erschlossen. Es ist aber auch die Kinderstube der Nordsee: Scholle, Hering, Seezunge, Krebs und Garnele wachsen hier auf und bilden mit verschiedenen Muschelarten und insgesamt 63 vorkommenden Fischarten die Grundlage für eine funktionierende Fischereiwirtschaft. Insgesamt leben ca. 3200 Arten hier, wovon alleine etwa 250 nur in der Salzwiese des Wattenmeers nachgewiesen wurden. Seegraswiesen, Muschelbänke und Sanddünen sind weitere Beispiele für die Vielfalt im Ökosystem Wattenmeer.

Diese biologische Vielfalt war ein wichtiger Grund, der zur Errichtung des größten Nationalparks Deutschlands, dem Schleswig-Holsteinischem Wattenmeer am 01. Oktober 1985 geführt hat. Im Nationalparkgesetz heißt es:

"Die Errichtung des Nationalparks dient dem Schutz des schleswig-holsteinischen Wattenmeeres und der Bewahrung seiner besonderen Eigenart, Schönheit und Ursprünglichkeit. Seine artenreiche Pflanzen- und Tierwelt ist zu erhalten und der möglichst ungestörte Ablauf der Naturvorgänge zu sichern. Jegliche Nutzungsinteressen sind mit dem Schutzzweck im Allgemeinen und im Einzelfall gerecht abzuwägen."

Verschiedenste Nutzungen profitieren von dieser Vielfalt. Eine Abnahme dieser Vielfalt kann negative Folgen für die unterschiedliche Wirschaftsformen haben. Biologische Vielfalt ist die Voraussetzung für die Anpassung von Arten auf veränderte Umweltbedingungen und die Grundlage für die Erforschung von potenziellen Arznei-Wirkstoffen (dies vor allem in den tropischen Lebensräumen) aber ebenso auch des naturnahen Tourismus. Meeressäuger wie Seehund, Kegelrobbe oder Schweinswal steigern im Wattenmeer die Attraktivität für Urlauber. Die große Vielfalt an Fischarten ermöglicht ein großes Angebot und sorgt damit für höhere Absätze am Markt. Sinnvoll eingesetzte Fangquoten können einer Überfischung vorbeugen, die langfristig zu sinkenden Fischfängen führt und somit wirtschaftlichen Einbußen auf Seiten der Fischereiwirtschaft vorbeugt.

Als Konsequenz wurde 20 Jahre nach der Gründung des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer am 03. Februar 2005 das Wattenmeer Schleswig-Holsteins von der UNESCO im Rahmen des Programms Mensch und Biosphäre zum Biosphärenreservat erklärt. Biosphärenreservate sind wertvolle Kultur- und Naturlandschaften, in denen der Mensch im Einklang mit der Natur lebt und nachhaltig wirtschaftet.

 

2. 

Veränderungen der Vielfalt

Wandel ist ein Teil der Natur

Die biologische Vielfalt kann stabil sein, sie kann aber langfristig auch zu- oder abnehmen. Innerhalb eines Biotops oder Ökosystems sind es meist menschliche oder klimatische Veränderungen, die zu einer Änderung der Diversität führen. Konkret kann es sein - wie es im Wattenmeer der Fall ist - dass ein geologisch junger Lebensraum (10.000 Jahre seit der Eiszeit sind nicht lange) noch viele freie ökologische Nischen hat, so dass auch ganz natürlich eine Zuwanderung und Ansiedlung von Arten wahrscheinlich ist. In alten, sehr artenreichen Systemen wie z.B. tropischen Regenwäldern dagegen wimmelt es von hoch spezialisierten, in ihrer "ökologischen Nische" sehr konkurrenzstarken Arten, die eine Ansiedlung von Einwanderern unterbinden können.

Wer Veränderungen bemerken will, muss genau beobachten

Veränderungen der Biodiversität sind nur feststellbar, wenn biologische Untersuchungen stattfinden, die das gesamte Arteninventar (oder wenigstens Teilgruppen) erfassen. Diese Grundlagenforschung begann im Wattenmeer schon im 19. Jahrhundert, so dass wir heute zumindest teilweise wissen, welche Meerestiere und Vögel um 1880 oder 1900 hier vorkamen.

Zur Beurteilung von Diversitätsveränderungen wird unterschieden zwischen (vermutlich) schon lange einheimischen und (vermutlich) vom Menschen eingeschleppten Arten. Im Wattenmeer werden alle Arten, die hier schon vor dem Jahr 982 lebten, als heimische Arten (Archäozoen) betrachtet. Nach 982 begann mit der Atlantiküberquerung Eriks des Roten die Einschleppung von Meeresorganismen aus Amerika, später auch aus Asien. Diese ortsfremden (= allochthonen, griech.) Arten werden - sofern sie sich fest ansiedeln können - bei Tieren als Neozoen, bei Pflanzenarten als Neophyten, zusammen als Neobiota bezeichnet.

Arten, die verschwinden, werden als verschollen oder ausgestorben bezeichnet und finden sich in den "Roten Listen" der gefährdeten Tier- und Pflanzenarten.

Im Wattenmeer ist es bei der Neuansiedlung von Arten häufig der Mensch, der bewusst oder unbewusst die Ausbreitung beeinflusst: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die pazifische Auster in in der Nordsee eingeführt, um die durch Muschelfischerei fast vollständig verschwundene Europäische Auster zu ersetzen. Mit den Austern wurden zahlreiche weitere Arten eingeschleppt. Die Ansiedlung der amerikanischen Schwertmuschel um 1976 ist wahrscheinlich über Larven im Ballastwasser erfolgt. Der weiter wachsende Schiffsverkehr ist eine erhebliche Quelle für eingeschleppte Arten (siehe hierzu auch die Zusatzinformation zum Stichwort 'Ballastwasser').

Insgesamt nimmt im Watt die Diversität in den letzten Jahrzehnten zu. Es handelt sich dabei jedoch global gesehen um eine Pseudo-Diversität, denn hier entstehen ja keine neuen Gene oder Arten, sondern ausbreitungsfähige Arten aus anderen Weltregionen mischen sich unter die hier heimischen Arten und verlängern so die Artenliste im Watt. Stirbt hingegen eine Art in der Nordsee aus, die nur hier heimisch ist - z.B. der Nordseestör um 1930 - so ist dies eine unwiderrufliche Verarmung der Biodiversität unseres Planeten.

"Kettenraktion im Ökosystem", das ist eine Überschrift eines Absatzes eines wissenschaftlichen Artikels zur Bedrohung der marinen Artenvielfalt [1]. Dort werden die Folgen beschrieben, die bei dem Verlust einer Art in Form einer Kettenreaktion auftreten können: Weitere Spezies verschwinden, weil mögliche Fressfeinde eines Fressfeindes nicht mehr aufzufinden sind. Dieser Umstand wird in der Fachliteratur auch unter den Stichwörtern 'coextinction' bzw. 'extinction cascade' diskutiert [2].

 

 

[1] Lingenhöhl 4.11.2006

[2] Gaston & Spicer 2006 

 

3. 

Abnahme der Artenvielfalt

Wodurch nimmt die Artanzahl in der Nordsee ab?

Fischerei

Ein wesentlicher Grund für das Verschwinden von Arten aus der Nordsee ist die Fischerei. Durch Überfischung, also über die natürliche Nachwuchsrate hinaus gehende Entnahme von Fischen, sind einige Fischarten im Bestand zurückgegangen und gebietsweise verschwunden (z.B. Rochen und Haie, die wegen ihrer Größe aus keinem Netz entkommen können und sich nur sehr langsam fortpflanzen).

Schwer wiegender sind jedoch - oft im wahrsten Sinne des Wortes - die heutigen Fangtechniken. Beispielsweise pflügen Grundschleppnetze zum Plattfischfang den kompletten Meeresboden um und töten dabei fest sitzende und empfindliche Arten. Viele Fische und Wirbellose landen als Beifang (Arten, die für die wirtschaftliche Nutzung ungeeignet sind und tot wieder in die Nordsee geworfen werden) in den Netzen der Fischer. So werden zum Beispiel für jedes Kilo Plattfisch fünf Kilo Beifang gefischt und überwiegend tot wieder ins Meer geworfen. Gerade im Wattenmeer, wo seit etwa 1900 mit Grundschleppnetzen Garnelen gefischt werden, sind mit Beginn der Motorisierung der Kutter (ab 1950) viele Arten (Nagelrochen, Rossmuschel, Seedahlie) und ganze Lebensgemeinschaften (Seemooswiesen, Sandkorallen) verschwunden.

Klimawandel

Ein weiterer Grund für das regionale Verschwinden von Fischarten ist neuerdings der Klimawandel. Durch die natürliche Evolution haben sich die Meeresbewohner auf ihren Lebensraum spezialisiert und dulden nur geringe Veränderungen. Wenn nun die Wassertemperatur ansteigt, verringert sich der Sauerstoffgehalt des Wassers und die Tiere ersticken.

Wissenschaftler des Alfred-Wegener Institutes (AWI) haben den Zusammenhang zwischen der Wassertemperatur, dem damit verbundenen Rückgang des Sauerstoffgehalts und der Anzahl der Individuuen bei der Aalmutter (Zoarces viviparus) untersucht und dabei festgestellt, dass der Sauerstoffgehalt den Bestand der Aalmuttern erheblich beeinflußt. (AWI 5.1.2007)

 

Meeresverschmutzung

Ein längerfristiges Problem für die regionale Biodiversität stellt die Meeresverschmutzung dar. Viele Tiere sterben an Schadstoffen - oft schon im besonders empfindlichen und mikroskopisch kleinen Jugendstadium. Giftige Schiffsanstriche haben weltweit viele Schnecken- und Muschelarten durch Hormonstörungen verschwinden lassen, im Watt z.B. Wellhornschnecke und evtl. Netzreusenschnecke). Größere Tiere verenden in herumtreibenden Müll, der (oft von Schiffen) achtlos ins Meer gekippt wird. In treibenden Netzen verfangen sich Seevögel wie der Basstölpel, Kleinteile werden vom Eissturmvogel aufgenommen und verstopfen dadurch den Verdauungstrakt. Meeressäuger bleiben in Plastikmüll stecken und verenden qualvoll.

Verdrängung durch invasive Arten

Grundsätzlich können Tier- oder Pflanzenarten aufgrund von Verdrängungseffekten komplett aussterben, wenn ein neu eingebürgerter Exoten ihnen Konkurrenz macht. Dies spielt vor allem in alten, lange isolierten Ökosystemen (Inseln, Seen) eine Rolle. Da das Wattenmeer weder alt noch isoliert ist, integrieren Neobiota sich bisher meist recht harmonisch. Bis heute gibt es im Wattenmeer keine Beweise dafür, dass eine Tier- oder Pflanzenart durch einen Exoten verdrängt wurde, jedoch viele Beispiele für eingeschleppte Arten, die sich dauerhaft angesiedelt haben.

 

Ausgestorbene Arten des Wattenmeers

Ausgestorbene Fische

Stechrochen, Seepferdchen und Störe lebten früher im Wattenmeer. Heute sind sie hier völlig ausgerottet und treten allenfalls noch als Irrgäste aus fernen Meeresgebieten auf.

Wie bei anderen Tierarten auch wurde ihr Bestand durch die Fischerei stark dezimiert, so dass sich die Individuuenanzahl nicht mehr erholen konnte. 

Bei wandernden Fischen wie zum Beispiel dem Lachs, der zum Laichen in Fließgewässer wandert, haben Baumaßnahmen wie Sperrwerke, Schleusen und Dämme dazu geführt, dass die Fische ihre Laichplätze nicht mehr erreichen und sich nicht mehr fortpflanzen können. Intensive Fischerei hat das Aussterben vor allem beim Stör noch beschleunigt.

Da die meisten Fischarten (bis auf den Stör) in anderen Teilen der Nordsee noch vorkommen, könnten diese Arten theoretisch irgedwann wieder im Wattenmeer leben. Allerdings müssten Teile des Nationalparks für die Fischerei gesperrt werden (ca. 25 %) und es müsste den wandernden Arten ermöglicht werden, ihre Laichgebiete zu erreichen.

Ausgestorbene Wirbellose

Einst konnte man im nordfriesischen Wattenmeer und bis weit über Heloland hinaus Bänke von europäischen Austern im Flachwasser des Wattenmeeres und in der Nordsee finden. Im 19./20. Jahrhundert wurde der Bestand jedoch maßlos überfischt, was im Zusammenspiel mit Kältewintern dazu führte, dass sich die Auster von diesen Bestandseinbrüchen nicht mehr erholen konnte und schließlich ausstarb. 
Da heute immer noch intensiv mit Grundschleppnetzten gefischt wird und alle früheren „Austernplätze“ von Miesmuscheln besetzt sind, besteht wahrscheinlich keine Chance darauf, dass die Europäische Auster in die Nordsee zurückkommt.

Neben der Auster sind Seedahlie, Totemannshand, Rossmuschel und Brotkrumenschwamm heutzutage nicht mehr im Wattenmeer zu finden. Man nimmt an, dass auch bei ihnen die Grundschleppnetze und die intensive Fischerei die Ursachen für ihr Aussterben waren. Möglicherweise könnten diese Arten sich wieder angesiedeln, wenn man die Fischerei einschränkt und geeigneteTeile des Wattenmeeres von der Fischerei befreit würden.

Eine weitere Gruppe von Arten sind Netzreusenschnecke, Wellhornschnecke oder Gestutzte Klaffmuschel, die selten geworden sind und möglicherweise durch chemische Belastungen aus den Flüssen oder aus giftigen Bootsanstrichen (TBT - Tributylzinn) in ihrer Existenz bedroht sind.

Quelle: http://www.schutzstation-wattenmeer.de/wissen/ausgestorben.html



 

4. 

Zunahme der Artenvielfalt

Die Besiedlung neuer Lebensräume war schon immer Teil der natürlichen Evolution. Fast alle heute heimischen Arten haben sich in Mitteleuropa erst nach der letzten Eiszeit angesiedelt, die vor 10.000 Jahren endete. 

Zusätzlich enthält die Lebensgemeinschaft (Biozönose) im Wattenmeer aber immer mehr Tier- und Pflanzenarten, die erst kürzlich hierher eingewandert sind (Neobiota). Diese hohe Dynamik von in das Wattenmeer einwandernden Pflanzen- und Tierarten lässt sich durch das geringe Alter des Ökosystems Wattenmeer erklären. Seine "ökologischen Nischen" sind noch längst nicht besetzt und es gibt viele freie Ressourcen für eindringende Arten. Etwa 30 bekannte, eingewanderte Arten haben wir derzeit, aber es werden jedes Jahr mehr. 

Wie definiert man neue Arten?

Neu eingeführte und sesshaft gewordene Tier- und Pflanzenarten (Neobiota) werden als Neozoon (Tier) oder Neophyt (Pflanzen) bezeichnet.

Die heimischen Arten dagegen werden Archäozoen bzw. Archäophyten genannt. Meist gelten Arten in Europa als heimisch, die vor dem Jahr 1492 ("Entdeckung" Amerikas durch Columbus) hier vorkamen. Da es mit der Sandklaffmuschel (Mya arenaria) jedoch eine Art gibt, die nachweislich um 1100 von Amerika nach Europa kam, definiert man im Wattenmeer als Archäophyten/ -zoen die Arten, die bereits vor dem Jahre 982 im entsprechendem Gebiet wild lebten. 982 "entdeckte" Erik der Rote Amerika, was zu Schiffsreisen der Wikinger zwischen Nordamerika und Skandinavien führte.

 

Neophyten/ -zoen kann man nochmals in drei Kategorien aufgliedern:

1. Neophyt/ -zoon actuale: Arten, die mit Sicherheit vom Menschen eingeführt wurden. Sie wurden nach dem Jahr 982 mit direkter Hilfe (gezielte Einfuhr) oder indirekter Hilfe (Transport durch Ballastwasser) in das betroffene Gebiet eingeführt.

2. Neophyt/ -zoon incertum: Art, bei der starke Zweifel bestehen, ob sie sich durch die Mithilfe des Menschen im betroffenem Gebiet etabliert hat.

3. Neophyt/zoon simulatum: Art, die sich offensichtlich ohne Zusammenhang zu menschlichen Aktivitäten in einem bestimmten Gebiet ausbreiten konnte.

Wie wandern und etablieren sich neue Arten?

Herkunft aus ähnlichen Klimazonen

Die Herkunftsgebiete potenzieller neuer Arten liegen alle in klimatisch ähnlichen Regionen, also in den kühl-gemäßigten Regionen. Diese befinden sich auf der Nordhalbkugel zum Beispiel in Nordamerika und Japan, auf der Südhalbkugel in Südamerika und Neuseeland.

Reise auf Treibgut im Meer

Um eine solche Strecke auf natürliche Weise zurücklegen zu können, benötigen Meeresorganismen Driftkörper, wie z.B. Makroalgen oder Treibholz. Daran angeheftet können sie unter Umständen als „blinder Passagier“ offene Ozeane überqueren. Die Nordsee ist auf diese Weise nur von Nordamerika aus erreichbar, was über den Golfstrom jedoch tatsächlich geschieht. Die Entenmuscheln (Lepas spp.) sind bekannte Beispiele für regelmäßig erscheinende Tiere aus dem Atlantik, die sich allerdings bei uns nicht ansiedeln. Anders ist die Situation bei Quadratkrabben (Grapsidae), die vermehrt über den Atlantik geschwommen kommen und sich neuerdings auch in Europa ansiedeln (Hemigrapsus penicillatus / takanoi).

Reise mit Zugvögeln

Auch mit Zugvögeln - außen am Körper oder als Pflanzensame im Verdauungstrakt - können Arten in neue Regionen gelangen. Ein Beispiel könnte das Sumpf-Johanniskraut (Hypericum elodes) sein, das 1997 auf Sylt erstmals in Schleswig-Holstein entdeckt wurde und sonst in Niedersachen vorkommt.

Wanderung unter Wasser

Diese Wanderungen können, obwohl es eine natürliche Verbreitungsweise ist, vom Menschen begünstigt worden sein, beispielsweise bei Meerestieren durch den Bau von Kanälen. Durch den Suezkanal wandern ständig Meerestiere aus dem Roten Meer in das Mittelmeer ein, und über den Nord-Ostsee-Kanal ist 2006 die Meeräsche bis nach Kiel vorgedrungen.

 

Verschleppung durch den Menschen

Ein weiterer Weg neben dieser natürlichen Ausbreitung ist die Einführung fremder Arten durch den Menschen.

Im Wattenmeer geschah dies schon oft durch die Einfuhr von Marikulturtieren (pazifische Austern!), an deren Schalen "blinde Passagiere" saßen und sich im Watt ausbreiteten (Amerikanische Bohrmuschel, Pantoffelschnecke, Keulenseescheide, japanischer Beerentang, ...).

Der zweite wesentliche künstliche Transportweg ist der Schiffstransport: außen am Rumpf oder als Larve im Ballastwasser. Die Wollhandkrabbe, die Pazifikseepocke und die Amerikanische Schwertmuschel sind so in die Nordsee gelangt. Auch die 2006 in der Ostsee aufgetauchte Rippenqualle (Mnemopsis leydii) ist sicher so gereist.

Findet eine Art ihr zusagende Lebensbedingungen vor, kann sie sich im neuen Lebensraum mitunter explosionsartig vermehren. Schon 1980, etwa 4 Jahre nach ihrer Einschleppung, wurden Millionen von Schwertmuscheln an die Sylter Strände gespült. Eine nicht ganz so schnelle, aber im Ergebnis noch spektakulärere Massenvermehrung durchläuft die Pazifische Auster im Wattenmeer seit etwa 2000.

 

4.1. 

Positive Aspekte neuer Arten

Die Invasion und Ausbreitung gebietsfremder Arten kann unterschiedliche Konsequenzen für ein des Ökosystem haben. Neben möglichen ökonomische Schäden oder der ökologischen Störung gibt es auch die Möglichkeit der Nutzung eingewanderter Arten:

Andere neue Arten wurden absichtlich angesiedelt, so z.B. die Pazifische Auster Crassostrea gigas. Sie wurde um 1900 nach USA und Kanada gebracht, um die dort heimische Amerikanische Auster Ostrea lurida zu ersetzen, die vom Ausstreben bedroht war. Anfang des Jahrhunderts wurde auch die Europäische Auster Ostrea edulis wegen Überfischung seltener und starb 1925 im Wattenmeer ganz aus. 1965 wurde deshalb auch hier die Pazifische Auster eingeführt und erfolgreich kultiviert. Seit 1985 gibt es Zuchtbänke der Pazifischen Auster vor Sylt. Mit ihr wurden unabsichtlich auch drei pazifische Algenarten mitgebracht. So findet Globalisierung auch im Wattenmeer statt. [1]

Der Klimawandel und die damit verbundene Erwärmung der Nordsee hilft Schwarmfischen aus dem Süden wie Sardinen und Sardellen beim Einwandern:

"Seit 2003 beobachten wir auch im Wattenmeer sehr starke Phasen von warmem Wasser, die im Sommer auftreten. Das bedeutet, dass die Fische gute Überlebenschancen im Bereich der südlichen Nordsee haben und nicht mehr durch kalte Temperaturen vertrieben werden", sagt Harald Asmus vom Alfred-Wegener Institut für Polar- und Meeresforschung. [2]

Das hilft der Fischereiwirtschaft und nützt dem Verbraucher, eröffnet sogar unter Umständen möglichkeiten für gänzlich neue Fischereiformen (Austernsammeln, Meeräschenfang, Wolfsbarschangeln).

 

[1] Landesamt für den Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer 2000

[2] sueddeutsche.de 15.7.2006

 

4.2. 

Probelmatik neuer Arten

Welche Auswirkungen haben neu eingeschleppte Arten auf die heimische Arten?

Alle Tier- und Pflanzenarten aus fremden Regionen gelten mittlerweile als unerwünscht, weil es weltweit zu viele Beispiele für fatale Auswirkungen von Neobiota gibt. Besonders gilt dies natürlich, wenn die Neubürger nicht nur ökologischen, sondern auch ökonomischen Schaden anrichten.

Ein Beispiel hierfür ist die Wollhandkrabbe, die die Netze und Reusen von Fischern beschädigt oder leer frisst. Ein weiteres Beispiel sind die Flohkrebse (Jassa) und Wandermuscheln (Dreissena), die Wasserrohrleitungen verstopfen können, was hohe Reinigungskosten verursacht.

Aus der Perspektive des Naturschutzes sind die Auswirkungen auf die heimische Tier- und Pflanzenwelt besonders bedenklich, da es durch interspezifische Konkurrenz zur Verdrängung von Nahrungsnetzen kommen kann. Das Verdrängen von Archäozoen, bzw. Archäophyten kann im Extremfall sogar zum Ausstreben von ganzen Arten führen. Dies trifft vor allem bei Pflanzen und Landtieren häufig auf, auch in Seen, jedoch nicht im Meer. Im Wattenmeer wurde bisher keine Art von einer neu eingeschleppten Art verdrängt.

Wie kann man das Eindringen von Exoten verhindern?

Das Risiko von Arteinschleppungen könnte man beispielsweise durchEinfuhrbeschränkungen und Genehmigungspflichten vermindern, jedoch nicht komplett ausschließen.

Importaustern reinigen!

Für importierte Zuchtaustern gibt es bereits bei Ausbringung im Nationalpark gemäß dem "Muschelprogramm" des Landes Schleswig-Holstein die Vorschrift, dass diese keine fremden Arten auf ihren Schalen einschleppen dürfen. Leider wird diese Vorschrift seit 1985 vom Land und von der Firma Dittmeyer, die die Austern bei Sylt ausbringt, ignoriert. Dadurch musste zuletzt 1998 im Lister Wattenmeer eine neue Art festgestellt werden, die Keulen-Seescheide (Styela clava), welche sicherlich mit den Zuchtaustern eingeführt wurde.

Ballastwasser sterilisieren

Um den Transport neuer Arten durch Ballastwasser zu verhindern, hat man verschiedene Techniken entwickelt:

- Sterilisation des Ballastwassers durch Bestrahlung mit UV-Licht, Ultraschall und Mikrowellen
- Erwärmung des Ballastwassers
- Filtrierung des Ballastwassers
- Austausch des Ballastwassers auf hoher See.

Auch Versuche mit Chemikalien wurden unternommen, um die Organismen abzutöten. Am praktikabelsten und hinreichend wirksam ist wohl der Austausch des Wassers während der Reise. Blinde Passagiere aus dem Küstengewässer des Abfahrthafens sind im offenen Ozean in aller Regel nicht überlebensfähig, und Ozeantiere überleben im Küstengewässer des Zielhafens nicht. Allerdings funktioniert diese Technik nur, wenn die Rohrleitungen und Tanks eines Schiffes dafür ausgelegt sind. Sonst stecken die "Blinden Passagiere" in Tankecken oder im Bodenschlamm und freuen sich über das Frischwasser auf hoher See, das ihr Überleben bis zum Zielhafen sogar erleichtert...

Schiffsrümpfe sauber halten

Neben dem Ballastwasser sind auch die Schiffswände ein beliebtes Reisemittel. Sowohl fest sitzende Arten wir Seepocken und Algen, als auch darin versteckte Kleintiere bis hin zu Schwimmkrabben etc. können im Bewuchs des Schiffsrumpfes reisen.

Um den Aufwuchs an den Schiffswänden zu vermeiden, werden giftige Antifoulingfarben verwendet (TBT), die allerdings auch andere Meeresorganismen hochgradig schädigen und selbst für den Menschen gefährlich sind. Mit dem weltweiten Verbot von TBT müssen andere Schiffsanstriche verwendet werden, die auf mechanische Weise wirken (selbstreinigend oder ultraglatt), die den Bewuchs unterbinden und die Verschleppung von Arten damit verhindern sollten.

 

5. 

Quellen

AWI - Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (5.1.2007): Weniger Nordseefische durch wärmeres Wasser. Unter: http://www.awi-bremerhaven.de/AWI/Presse/PM/pm07-1.hj/070105Science.html (Stand: 28.1.2007)

Gaston, Kevin J. & John I. Spicer (2006): Biodiversity. An Introduction. Second Edition. Malden u.a. 

GTZ - Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (2005): Umsetzung der Biodiversitätskonvention. Unter: http://www2.gtz.de/biodiv/index.html (Stand: 28.1.2007)

Landesamt für den Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer (o.J.): Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Unter: http://www.wattenmeer-nationalpark.de/main.htm (Stand: 28.1.2007)

Landesamt für den Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer (2000): Pressemitteilung des Nationalparkamtes vom 8.8.2000: Globalisierung im Wattenmeer.
Unter: http://www.wattenmeer-nationalpark.de/archiv/mitteilungen/00/08-08.htm (Stand: 28.1.2007)

Lingenhöhl, Daniel (4.11.2006): Marine Ökologie. Bis zur letzten Gräte. Überfischung der Meere gefährdet Artenvielfalt und Wohlstand. Unter: http://www.wissenschaft-online.de/artikel/856091 (Stand. 28.1.2007)

sueddeutsche.de (15.7.2006) Exotische Kreaturen. Sie sind unter uns. (von Titus Arnu) Unter: http://www.sueddeutsche.de/wissen/artikel/749/80669/print.html (Stand: 28.1.2007)

UNEP - United Nations Environment Programme, Secretariat of the Convention on Biological Diversity (o.J.): The Convention on Biological Diversity. Unter: http://www.biodiv.org/default.shtml (Stand: 28.1.2007)

Universität Stuttgart, Biologisches Institut, Abteilung Zoologie (30.04.2003): Sinai 2001. Große Meeresbiologische Exkursion. Unter: http://www.uni-stuttgart.de/bio/bioinst/zoologie/sinai01/biodiversitaet/indexbiodiversitaet.html (Stand: 28.1.2007)

Wikipedia - Die freie Enzyklopedie (4.1.2007): Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Nationalpark_Schleswig-Holsteinisches_Wattenmeer (Stand: 28.1.2007)

Wikipedia - Die freie Enzyklopädie (14.1.2007): Biodiversität. Unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Biodiversit%C3%A4t (Stand: 28.1.2007)

 

6. 

Zu Autoren und Projekt

Das vorliegende Themenmodul ist Ergebnis des Projektes Wer, Wie, Watt? - Ein online Informationssystem zu Nutzungen und Schutz im Wattenmeer.

Im Zeitraum von Oktober 2006 bis Mai 2007 arbeiteten im Rahmen des Projektes 42 Zivildienstleistende verschiedener Umweltinstitutionen Schleswig-Holsteins und Niedersachsens an der Infoplattform. Ziel ist es, über verschiedene Nutzungen des Wattenmeers und daraus erwachsenden Konflikte aufzuklären.

Das Infosystem wird auch künftig zur Dokumentation von Projektarbeiten an der Schutzstation Wattenmeer dienen. Projektarbeiten können im Rahmen der Ausbildung von Zivildienstleistenden, Teilnehmerinnen des Freiwilligen Ökologischen Jahres oder auch im Rahmen des Studiums angefertigt werden. Die im Naturschutz Engagiertebekommen so die Gelegenheit, die von ihnen zusammen getragenen Informationen einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Dieses Modul wurde erstellt von Björn Marten Philipps und Florian Iser, Zivildienstleistende des Naturschutzbundes (NABU).

  WWW-Link
 

7. 

Impressum & Kontakt

Website:

www.ikzm-d.de/werwiewatt

 

Rahmen:

Das online Infosystem Wer, Wie, Watt? dient seit Herbst 2006 zur Dokumentation der Projektarbeiten von Zivildienstleistenden, FÖJ-TeilnehmerInnen, PraktikantInnen und weiteren bei dem gemeinnützigen Verein Naturschutzgesellschaft Schutzstation Wattenmeer e.V. Engagierten. Projekte können zum Beispiel Teil von Ausbildungsseminaren oder Studium sein. Die erste Version des Infosystems wurde von Zivildienstleistenden des Jahrganges 2006/2007 im Rahmen eines Kooperationsprojektes der gemeinnützigen Vereine EUCC-Deutschland und Schutzstation Wattenmeer erstellt.

 

Inhalt:

 

 

 

Träger:

Einführung in die wesentlichen menschlichen Nutzungen und Einflüsse auf das Wattenmeer sowie Betrachtung von Konflikten, die sich aus den unterschiedlichen Perspektiven der Naturschützer und der Nutzer ergeben.

 

Das Infosystem Wer, Wie, Watt? wird angeboten von den Vereinen Naturschutzgesellschaft Wattenmeer e.V. und EUCC-Die Küsten Union Deutschland. Die Schutzstation Wattenmeer bildet im Auftrag des Landes Schleswig-Holstein Zivildienstleistende (ZDL) aus dem Naturschutz aus. Die EUCC-Deutschland setzt sich mit Aktivitäten im Bereich der Küstenbildung, der Informationsverbreitung und der Netzwerkarbeit für die nachhaltige Entwicklung der deutschen Küsten ein. Sie hat im Rahmen des Projektes das online-Werkzeug IKZM-D-Lernen bereit gestellt und sich an der Betreuung der ZDL beteiligt.

Gewähr/ Haftung:

Bei der Erstellung der Informationsmodule wurde große Sorgfalt geübt. Da es sich bei dem Infosystem um die Dokumentation der Projektarbeit von ZDL handelt, übernehmen die Träger für Aktualität und Richtigkeit der Inhalte keine Gewähr. Bei der Einstellung der Links waren uns keine unsittlichen und unseriösen Inhalte der verlinkten Seiten bekannt. Sollte Ihnen eine verlinkte Seite unseriös erscheinen, weisen Sie uns bitte darauf hin.

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Kontakt:

EUCC-Die Küsten Union Deutschland e.V.: eucc [@] eucc-d.de

Naturschutzgesellschaft Schutzstation Wattenmeer e.V.: r.borcherding [@] schutzstation-wattenmeer.de